“Papa, tutt mal, was ich tann!” So tönt es mehrere Male am Tag durch unsere Wohnung. Urheber dieses Ausrufs ist in der Regel unser 3-jähriger Sohn, der mich ungeduldig erwartet, um mir sein neuestes Kunststück vorzuführen. Und der Ankündigung folgen dann auch ohne weitere Verzögerung die versprochenen Taten. Meist handelt es sich dabei um eine Art Sprung mit halber Drehung, Einbeinstand oder eine anders geartete sportliche Übung. Mit großem Stolz und heller Begeisterung sieht er mich daraufhin mit großen Augen an und erwartet, wie ein olympischer Athlet, die Wertung der Jury – also meine.
“Prima! Toll machst Du das!”, entgegne ich dann mit Freude und ebenfalls stolzerfüllt ob der Fortschritte meines Kindes. Gleichzeitig sehne ich mich an die Zeit zurück, in der ich mich selbst noch so begeistern konnte. Ich erinnere mich dann daran, wie ich einmal auf dem Fußboden lag – auf dem Bauch; die Beine angewinkelt; die Füße in der Luft – und meiner Mutter eine Wette anbot, dass ich es schaffen würde, die Beine 10 Minuten lang hin und her zu wedeln. Dabei war ich sicher genauso überzeugt, etwas Großartiges entdeckt zu haben und sogar zu meistern, wie mein Sohn heute.
Eine Melancholie setzt gleich darauf ein, wie sie so oft unterschwellig mit Nostalgie verbunden ist. Warum wird hier eigentlich mit zweierlei Maß gemessen? Warum werde ich nicht mehr für Turnübungen dieser Art gelobt? Wann habe ich zuletzt gehört “Du hast aber schön den Teller leer gegessen – wie ein großer Junge!” oder “Sehr gut Bäuerchen gemacht!”, “Prima aufs Töpfchen gegangen!” – alles Dinge, die ich inzwischen meisterhaft beherrsche. Für mein Aufstoßen im Teammeeting vor einigen Wochen erntete ich nur strenge Blicke. Äußerst unfair!
Aber manchen gesellschaftlichen Normen muss man sich wohl einfach beugen.
Es gibt aber auch Dinge, bei denen wir uns nicht einschränken lassen sollten. Das bewies mir neulich ein Mann, der mir auf dem Heimweg begegnete. Ich war auf dem Weg vom Parkplatz zu unserem Haus. Auf diesem Weg befindet sich eine längere öffentliche Treppe mit einer Rampe für Fahrräder, Rollstühle etc. An dieser Stelle kam mir der Mann entgegen. Er hatte in etwa mein Alter. Ich werde an dieser Stelle mein Alter nicht erwähnen. Nur als Hinweis: Ich bin in etwa so alt, wie der Mann, der mir an der Treppe entgegenkam. Wir hatten bereits Blickkontakt, als er plötzlich in einen fröhlichen Hopserlauf überging. Falls diese Gangart nicht jedem ein Begriff ist: es handelt sich um einen beschwingten, leicht hüpfenden Lauf. Dabei werden die Knie weit nach oben gehoben und die Arme schwingen an den Seiten. Man sieht diese Bewegung auch häufig beim Sport zum Erwärmen und Lockern. Auf offener Straße ist es jedoch ein recht seltener Anblick vor allem bei Erwachsenen. Davon ließ sich der Herr aber überhaupt nicht beeindrucken. Er sah mir weiterhin stoisch in die Augen und ließ sich kein bisschen beirren. Seine Arme und Beine flogen durch die Luft. Und das auch noch Trepp abwärts – in unserem Alter durchaus ein Wagnis. Ich auf der anderen Seite war sicher einen Augenblick irritiert. Ob er es mir ansah, kann ich nicht beurteilen. Anmerken ließ er es sich jedenfalls nicht. Meine Verwunderung wich zügig einer Bewunderung. Es gehört schon einiges dazu, sich so etwas zu trauen.
Doch warum eigentlich? Warum wagen wir so etwas nicht häufiger? Es tut so gut, ab und zu aus sich herauszugehen und auch einfach mal Blödsinn zu machen – sich zu befreien. Und warum sollte jemand darüber die Nase rümpfen – es wird niemand belästigt oder verletzt – höchstens angesteckt – aber das ja nur im positiven Sinne. Es mag Momente geben, in denen ein Hopserlauf tatsächlich als unangemessen betrachtet werden könnte – bei einer UN-Konferenz, bei einer Beerdigung oder während einer Gehirn-OP.
Aber solange wir uns an diesen Stellen zusammenreißen können, spreche ich mich klar für eine Erhöhung der Hopserlaufquote aus!
Es würde uns allen guttun!


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