Ich gehe gerne zum Bäcker. Im Allgemeinen kaufe ich nicht gerne ein – aber zum Bäcker gehe ich gerne. Es duftet dort wundervoll und es gibt die verführerischsten Dinge. Von süß bis herzhaft ist alles dabei. Ich liebe frisch gebackenes Brot und goldgelbe Brötchen. Und von Gebäck kann ich kaum genug kriegen. Zugegeben, es gibt eine Einschränkung: ich gehe nicht gerne zu fremden Bäckereien – besonders in fremden Städten – in denen man sich genötigt sieht, mit einer Art Ausdruckstanz, unter Zuhilfenahme aller Gliedmaßen, der Verkäuferin oder dem Verkäufer irgendwie begreiflich zu machen, welches Brötchen man denn nun möchte, da man schlicht und einfach nicht über das dort gebräuchliche Vokabular verfügt. Aber das ist ein anderes Thema, das ich hier nicht vertiefen möchte – zumal ich davon ausgehe, dass jeder genau weiß, was ich meine und es auch wiederholt selbst erleben durfte.

Heute geht es um etwas anderes – etwas, das mir in früheren Bäckereien, die diesen Namen wirklich noch verdient hatten, sicher nicht vergönnt gewesen wäre zu erleben.
So begab es sich nun vor einigen Jahren in der Weihnachtszeit, dass meine damalige Freundin (heute meine geliebte Frau) und ich einen Bäckerladen betraten, mit der Absicht, ein paar saisonale Backwaren zu erwerben.
Wir traten an den Verkaufstresen heran und wurden von einer hochmotivierten Bäckereifachverkäuferin empfangen. Unsere Anwesenheit schien ihr zwar nicht unbedingt unangenehm zu sein, ihr Blick deutete jedoch durchaus an, dass sie für die kommenden Minuten eigentlich andere Pläne gemacht hatte. Gemeinsam manövrierten wir durch das übliche Vorgeplänkel mit Brot und Brötchen, um uns schließlich an die wirklich fetten Brocken zu wagen.

„Was für Stollen haben Sie denn?“, wagte meine Freundin die Frage. Die Verkäuferin bewertete unsere Gegenwart in diesem Moment offensichtlich vollkommen neu und kam somit doch zu dem Schluss, dass wir hier nicht erwünscht waren. Sie zeigte auf die Stollen im Regal hinter ihr. Ein aufmerksamer Blick ihrer Kollegin schien sie daran zu erinnern, dass reines Zeigen eventuell der Situation nicht angemessen war, und sie überredete sich zu einem mürrischen „Christstollen – 11 Euro, Festtagsstollen – 12 Euro“ wobei ihre Hand dem Wort folgte, um uns das Angebot zu visualisieren.

„Okay. Und was ist da der Unterschied?“ erkundigte sich meine Freundin, reges Kaufinteresse signalisierend.
Die Verkäuferin sah uns an, als wären wir bescheuert. Hilfesuchend wandte sie sich zu ihrer Kollegin um, die sich zwar neugierig der Szene zugekehrt hatte, jedoch ein aktives Eingreifen verweigerte. Sie sah wieder uns an und entnahm unseren beharrlichen Gesichtern, dass wir die Frage offenbar erst gemeint hatten und zudem eine Antwort erwarteten. Resignierend entgegnete sie: „Na, ein Euro!“
Nun waren wir es, die sich hilfesuchend ansahen. Ich rief mich innerlich zur Ordnung und spezifizierte die Frage meiner Partnerin: „Wir meinten eigentlich die Zutaten. Was ist denn in den Stollen drin‘?“

Eine Mischung aus Verzweiflung und Hass trat in die Miene der Bäckereifachangestellten.
„Was da drinne ist?“ Sie wiederholte die Frage, da sie sich offensichtlich verhört haben musste. Auf keinen Fall konnte jemand ernsthaft diese Information von ihr erbeten haben.
Auch diesmal ließen wir nicht locker und hielten ihr mit festen Blicken Stand.
„Na, Teig.“
Ich muss eingestehen, in diesem Moment war ich kurz davor, mich geschlagen zu geben. Es bestand nun kein Zweifel mehr daran, dass das Weihnachtsgebäck seinen Ursprung auf keinen Fall in diesem Laden gefunden hatte. Und die Verkäuferin war an der Herstellung exakt so sehr beteiligt gewesen wie ich.

Doch meine Freundin gab noch nicht auf, kratzte ihren letzten Mut zusammen erbat einen genaueren Einblick in die Zutatenlisten beider Stollen, um doch noch eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Zumal wir inzwischen durchaus gespannt darauf waren, der Ursache für den Preisunterschied von einem Euro auf den Grund zu gehen.
Nun trat echte Panik in die Augen der Verkäuferin – und auch in die ihrer Kollegin. Ratlos sahen sie sich an. Dann begannen sie hektisch irgendwelche Unterlagen herauszusuchen.
Das Entsetzen wich einem Ausdruck purer Erleichterung, als sie nach einiger Zeit endlich fündig wurden. Mit zittriger Stimme las sie die Ingredienzen beider Stollen vor.

Und nun kam das wirklich Spannende: niemand von uns konnte einen Unterschied feststellen. Eine rege Diskussion zwischen uns Vieren setzte ein, die jedoch damit endete, dass wir einvernehmlich die kollektive Niederlage eingestanden.
Wir entschieden uns dann für den Festtagsstollen – wer möchte schon den billigen Abklatsch haben?
Und wenn nicht dieser Tag, welcher andere sollte sonst jemals ein Festtag gewesen sein?!


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